Was ist ein Bandscheibenvorfall

Wie die Wirbelsäule aufgebaut ist und welche Funktion eine Bandscheibe übernimmt, habe ich im Abschnitt „Aufbau der Wirbelsäule“ kurz skizziert. Auf dieser Seite möchte ich versuchen, die Thematik Bandscheibenvorfall möglichst einfach erklären, sodass sich jeder ein Bild davon machen kann. Dieser Artikel erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ein Bandscheibenvorfall ist ein komplexes Krankheitsbild, das neben der eigentlichen Verletzung der Bandscheibe häufig auch neurologische Auswirkungen hat, da ja mitunter Nerven betroffen sind. Wer also glaubt, einen Bandscheibenvorfall zu haben, sollte immer auch ärztlichen Rat einholen.

Ich beschränke mich auf dieser Seite außerdem auf den Lendenwirbelsäulenbereich. Da ich selbst unter einem Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule leide, kann ich meine Erfahrungen auch nur in Bezug auf den unteren Rücken teilen. Zu Bandscheibenvorfällen in der Halswirbelsäule findet ihr hier keine Informationen.

Wie entsteht ein Bandscheibenvorfall?

Die Bandscheiben sind am ehesten mit einem Stoßdämpfer in einem Auto zu vergleichen. Sie nehmen die Stöße, die z.B. beim Hüpfen entstehen, auf und verteilen die Kräfte gleichmäßig auf die einzelnen Wirbelkörper.

Wird eine Bandscheibe überlastet oder zu wenig mit Wasser und Nährstoffen versorgt, kann der äußere Faserring ermüden, im schlimmsten Fall sogar reißen und der Gallertkern der Bandscheibe nach außen in den Wirbelkanal treten und dort auf die Nerven drücken.

Ein Bandscheibenvorfall tritt nur relativ selten auf. Ca. 60 % der Deutsche leidet mindestens einmal im Jahr unter Rückenschmerzen. Es sind jedoch nur ca. 5 % der Männer und 3,5 % der Frauen, die tatsächlich einmal im Leben einen Bandscheibenvorfall haben.

Häufig sind es unglückliche Kombinationen aus Belastungen und Drehbewegungen, die  zu Bandscheibenvorfällen führen. Typische Bewegungen sind das Heben und Drehen z. B. beim Ausladen schwerer Gegenstände aus dem Kofferraum oder das Aussteigen aus dem Auto.

Betroffen von Bandscheibenvorfällen sind überwiegend Menschen zwischen 30 und 50 Jahren. In diesem Alter enthalten die Bandscheiben noch viel Gallertmasse. Mit zunehmendem Alter werden die Bandscheiben mehr und mehr zusammengepresst und verlieren an Masse. Dadurch können sie sich nicht mehr so leicht vorwölben.

Welche Arten von Bandscheibenverletzungen gibt es?

Prinzipiell ist eine Verletzung der Bandscheiben in jedem Bereich unserer Wirbelsäule möglich. Abgesehen von durch Unfällen verursachten Bandscheibenverletzungen treten Bandscheibenvorfälle überwiegend in der Halswirbelsäule und der Lendenwirbelsäule auf. Bandscheibenvorfälle in der Brustwirbelsäule sind verhältnismäßig selten. Die am häufigsten betroffenen Bandscheiben sind die zwischen den Lendenwirbeln L4/L5 und die zwischen dem Lendenwirbel und dem Steißbein L5/S1. Auch ich habe mit einem Bandscheibenvorfall L5/S1 zu tun.

Je nach Schwere unterscheidet man folgende Bandscheibenschäden:

Vorwölbung (Protrusion)

Bei einer Protrusion wölbt sich der Faserring der Bandscheibe nach außen vor und kann auf die Nerven drücken. Die Protrusion unterscheidet sich vom Prolaps in der Regel durch die Größe. Auch ist der Faserring bei der Protrusion nicht oder nur gering gerissen. Wo eine Protrusion aufhört und ein Prolaps anfängt, ist selbst unter Fachleuten umstritten. Häufig wird die Protrusion als Vorstufe des Prolaps beschrieben.

Quelle: Wikipedia

Vorfall (Prolaps)

Bei einem Prolaps tritt der Gallertkern der Bandscheibe aus dem Faserring in den Spinalkanal aus und übt Druck auf die Nerven aus. Es kann auch zu Einklemmungen einzelner Nerven kommen.

Quelle: Wikipedia

Ablösung (Sequester)

Die schwerste Form des Bandscheibenvorfalls wird als sog. Sequester bezeichnet. Hierbei wird ein Teil des Gallertkerns vom Rest abgetrennt und tritt vollständig in den Spinalkanal aus. Sequester müssen dann durch Entzündungsprozesse mühsam abgebaut werden, weshalb die Heilung sehr langwierig sein kann. Auch ich erlitt einen sequestierten Bandscheibenvorfall.

Welche Symptome treten bei einem Bandscheibenvorfall auf?

Wenn Gewebe aus der Bandscheibe austritt und auf angrenzende Nerven drückt, verursacht dies häufig ein Stechen in der Region der Verletzung selbst. Es treten allerdings auch häufig begleitende Schmerzen auf, die in die Extremitäten ausstrahlen. Im Falle eines Bandscheibenvorfalls in der Lendenwirbelsäule treten diese begleitenden Schmerzen häufig im Gesäß und den Beinen auf (Ischialgie). Verursacht werden sie durch die Reizung der Nerven, die ausgehend vom Austrittsloch am Wirbel (Foramen) die Extremitäten versorgen und sich in ihrem weiteren Verlauf immer weiter verästeln.

Quelle: Wikipedia

Häufig reagiert bei einem Bandscheibenvorfall auch die umgebende Muskulatur auf die Verletzung, indem sie sich verspannt. Dies ist eine Abwehrreaktion, die der Körper einleitet, um die Wirbelsäule in diesem Bereich ruhigzustellen und vor weiteren Verletzungen zu schützen. Diese Muskelverspannungen führen zu Schonhaltungen, die die Beweglichkeit der Betroffenen massiv einschränken und zu weiteren Schmerzen führen können.

Mein Bandscheibenvorfall ereignete sich, soweit ich es zurückverfolgen kann, durch eine falsche Bewegung beim Krafttraining. Bei einer Kraftübung verspürte ich einen plötzlichen, stechenden Schmerz im unteren Rücken. Am nächsten Tag konnte ich mich nicht mehr gut bewegen und hatte in den kommenden Tagen mit Schmerzen im Rücken zu kämpfen. Diese begannen bald zunächst ins Gesäß und schon bald über das Bein bis in den Fuß auszustrahlen. Ich verwechselte den Nervenschmerz lange Zeit mit Muskelschmerz und versuchte meine Beschwerden mit Dehnübungen zu lindern, was alles nur noch schlimmer machte. Nach einigen Wochen waren die Schmerzen unerträglich und strahlten über die Beinaußen- und -rückseite bis in den Fuß aus. Zudem hatte ich eine Fußheberschwäche entwickelt und mein Fuß wurde zeitweise taub.

Wer einen Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule erlitten hat, merkt dies unter anderem an folgenden Symptomen:

  • Schmerz im unteren Rücken
  • Knieschmerzen
  • Hüftschmerzen
  • Gesäßschmerzen
  • Austrahlender Schmerz in das Bein
  • Missempfindungen im Bein (Kribbeln, Ameisenlaufen, Taubheitsgefühl)
  • Motorische Ausfälle (z.B. Fußheberschwäche)
  • Extrem: Inkontinenz

Je  nachdem, wo der Bandscheibenvorfall aufgetreten ist und welche Nervenwurzel gereizt oder gedrückt wird, treten die Beschwerden in unterschiedlichen Körperregionen auf:

Quelle: Wikipedia

Wann sollte der Arzt aufgesucht werden?

Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich viel zu spät zum Arzt gegangen bin. Viel zu lange glaubte ich, dass es sich bei meinen Beschwerden um reine Muskelverspannungen handelte. Aber ich wusste es einfach nicht besser. Wenn ich es noch einmal zu entscheiden hätte, würde ich viel früher einen Arzt aufsuchen. Spätestens bei ausstrahlenden Schmerzen in andere Körperregionen ist eine gründliche neurologische Untersuchung und/oder eine MRT- bzw. CT- Untersuchung angeraten. Meiner Erfahrung nach hält man sich auch besser nur kurz beim Hausarzt auf und sucht sich schnell einen kompetenten Facharzt. Die Auswahl des Arztes ist dabei ein Thema für sich.  

Gibt es auch Bandscheibenvorfälle ohne Symptome oder der Zusammenhang zwischen Befund und Befinden

Es kommt sehr häufig vor, dass Menschen (vor allem ältere) wegen etwas ganz anderem im MRT untersucht werden und man rein zufällig teilweise heftige Bandscheibenvorfälle diagnostiziert. Die Betroffenen haben aber keinerlei Symptome. In einem solchen Fall wird dementsprechend auch nicht behandelt. Hat der Patient bei ähnlich krassem MRT-Befund aber Symptome wie ausstrahlende Schmerzen o.ä. wird allzu schnell zur Operation geraten.

Dass der MRT-Befund und das Befinden von Patienten scheinbar häufig nicht zusammenpassen, durfte ich am eigenen Leib erfahren. Als ich mich infolge von starken Schmerzen schließlich auf Anraten meiner Hausärztin im MRT untersuchen ließ und mit den Bildern einige Tage später bei zwei Orthopäden vorsprach, riet mir der eine zur sofortigen Operation (siehe Erfahrungsbericht). Der andere war hingegen der Ansicht, dass es eine starke Diskrepanz zwischen meinen MRT-Bildern und meinem Befinden gebe und riet mir zur konservativen Therapie. Die Frage ist in einem solchen Fall die: Was ist entscheidend für die weitere Behandlungsmethode? Der Befund des Radiologen? Oder das Befinden des Patienten? Oder beides? Ich möchte an dieser Stelle keine Handlungsanweisung geben. Ich bin jedoch zufrieden mit meiner Entscheidung für eine konservative Therapie und würde jedem empfehlen, einen Therapieversuch zu wagen, wenn nicht akute OP-Indikation besteht. Gegenüber allzu schnellen Empfehlungen zur Operation auf Grundlage eines MRT-Bildes wäre ich skeptisch.

In meiner Ansicht bestärkt hat mich im weiteren Verlauf meiner Therapie die Tatsache, dass die Hauptbeschwerden nach Abklingen des stärksten Nervenschmerzes nicht mehr durch meinen Ischias-Nerv ausgelöst wurden, sondern vielmehr durch eine extrem verspannte Muskulatur im Gesäß. Es brauchte Wochen und viele schmerzhafte Therapie-Sitzungen, um meinen Piriformis-Muskel zu lockern.

Rückblickend bin ich mir gar nicht mehr so sicher, was meine starken Schmerzen ausgelöst hat. Der Bandscheibenvorfall? Der extrem verspannte Piriformis? Beides? 

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